Mecklenburgische Schweiz: Bloß weg hier? Warum bleiben oder sogar herkommen?

Die Junge Mecklenburgische Schweiz fragt: bleiben oder gehen oder  wiederkommen oder herkommen –  was können wir tun für eine  Zukunft der Region mit uns? 

Beim dritten Treffen am 15.01.2021 haben wir uns hauptsächlich mit unserem Vernetzungstreffen/Sommercamp beschäftigt, das im Sommer in Karnitz stattfinden soll. Die Möglichkeit projektbezogene Tage dazu zu organisieren, wurde auch angedacht.

Idealerweise würde das Treffen 2-3 Tage dauern. Jugendliche zwischen 16 und 30 Jahre können teilnehmen. Wir werden einen Text verfassen, der unsere konkreten Wünsche und Meinungen zu unserer Zukunft in der Region ausdrückt. Es wäre unser öffentlicher Diskurs zu unseren Bedürfnissen hier in die Mecklenburgische Schweiz. Wir wollen eine Position mitteilen, die Stimme die Jugendliche deutlich machen.

Unser ideales Tagesprogramm besteht auf Workshops am Vormittag, gemeinsames Mittagessen einen eventuellen Spaziergang durch die Felder – eine Zeit für informelles Austausch- und einen Open Air Kino am Abend. Vorgeschlagene Workshopthemen sind zum Beispiel: Forst, Wald, Gemeinsame Diskussion zu dem Aussehen unsere Zukunft hier in der Region, Chancen und Risiken von sozialen Medien aber auch ganz praktisch Backen, Kochen, Permakultur, Tera Preta herstellen… Eine Lesung mit einer/m Autor*in aus der Region ist auch gewünscht.

Es war am Ende nochmal wichtig, die Ziele des Vernetzungstreffen/Sommercamp klar zu nennen. Wir wollen unser Netzwerk entwickeln und festigen, uns weiterbilden, um Ziele des Projekts zu erreichen: konkrete Aktionen in der Zukunft auf die Beine zu stellen. Also müssen wir bei dem nächsten Termin überlegen, in welchen konkretere Richtungen unsere Veranstaltung gehen wird und uns auf Aktivitäten und Workshopsthemen zu einigen.

Wir werden uns also online am 19.02 (um 18 Uhr) treffen.
https://meet.jit.si/GehenBleibenWiederkommenHerkommen_JungeMS

Beim ersten Treffen hatten wir uns einen idealen Tag in der Mecklenburgischen Schweiz  vorgestellt. Beim zweitem Treffen am 27. November ging es um konkrete Themen, mit denen wir uns in Zukunft beschäftigen wollen. Mit dabei waren diesmal junge Menschen, die gerade weggehen zum Studieren, andere, die schon weg sind, und sich überlegen zurückzukommen, und auch solche, die den Schritt zurück bereits gegangen sind, weil ihn die Natur und die Landschaft gefehlt haben, und die sich fragen, welche Perspektive sich für sie hier eröffnet und wie sie Gleichgesinnte finden.

Was ist besonders wichtig, wenn wir hier bleiben, hierher zurückkommen oder zum ersten Mal hierher ziehen wollen? An erster Stelle stehen sicherlich Arbeitsplätze. Diese sollten sinnvoll und nachhaltig sein. Es gibt ja bereits einige interessante Betriebe im Bereich Nachhaltigkeit, Läden und Geschäftsideen wie etwa Milchtankstellen, Second Hand Läden, regionale Lebensmittelvertriebe. Diese sollten aber sichtbarer sein. Vielleicht müssten auch noch stärker als bisher bereits in der Schulzeit und kurz danach Möglichkeit geschaffen werden, um sich hier ausbilden zu lassen oder berufliche Perspektiven in der Region zu entwickeln.

Auch die Mobilität stellt ein zentrales Thema dar. Sollten eingestellte Zugverbindungen wieder aufgenommen werden, oder gibt es andere Alternativen zum Auto wie beispielsweise Sammeltaxis? Könnte man mit entsprechenden Mobilitätskonzepten nicht auch den Wohnungsmarkt in Rostock entlasten und von hier aus studieren und arbeiten?

Wie schon im ersten Treffen wurde auch die Bedeutung kultureller Orte und Zentren betont. Es geht dabei nicht nur um das Programm, sondern auch um Orte, an denen man sich treffen, austauschen und diskutieren kann. Das Schaffen von Gemeinschaft ist wichtig, und dazu muss nicht immer alles neu erfunden werden. Das Vereinswesen könnte eine wichtige Rolle spielen, aber die Vereine müssten auch Neuem und Neuankömmlingen gegenüber offen und einladend sein. Angebote wie die Moorbauern, in denen sich Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Lebenserfahrungen wiederfinden, sind erste gute Beispiele. Aber es gibt insgesamt noch zu wenig Angebote für junge Menschen. Nicht selten wird die Erfahrung gemacht, dass sich Politik und Verwaltung eher Veränderungen verschließt und Entwicklungen bremst und Bedürfnisse und Ideen junger Menschen zu selten Berücksichtigung finden.

Die laufende Petition mit über 250 Stimmen zum Erhalt des Malchiner Kinos als soziokulturelles Zentrum zeigt wie wichtig die wenigen verbliebenen kulturellen Orte sind. In den über 150 Kommentaren zur Petition werden die Gründe nachvollziehbar. Es geht um den Erhalt von Orten, die  durch kurze Wege und Bezahlbarkeit Teilhabe ermöglichen, die unterschiedliche Generationen ansprechen und Erinnerung, Tradition und Geschichte haben. Werden sie durch Blockbusterkinos verdrängt und zählt am Ende nur das Geld, geht ein Stück Identität der Stadt verloren. Auch das ein Faktor für das Zurückkommen: „Weil ich bald in die Region Malchin zurück ziehen werde und mich natürlich über ein Kino freue! Da war ich schon als Teenie“, heißt es in einem der Kommentare. Ohne diese Orte drohe das „Sterben der  Kultur im ländlichen Raum“. Dann könne man „in Malchin gleich mal die Gegwege hochklappen“, denn was „hat Malchin denn sonst noch zu bieten, wenn alles abgemanagt wird !?“.

Das Kino Malchin zeigt auch, dass das Herz solcher Begegnungsorte die Menschen sind, die sie mit viel Engagement betreiben und die Verbindungen zu anderen Gruppen und Einrichtungen. So hat das Kino immer wieder die Möglichkeit geschaffen, dass Initiativen, Vereine und Schulen das Programm mitgestalten. Es bräuchte, so auch der Tenor der Diskussion zur Anziehungskraft der Region für junge Menschen, gerade in den kleinen städtischen Zentren wie Teterow und Malchin Räume und Orte, die junge Menschen mitgestalten und mitnutzen können. Veränderungen muss ja nicht unbedingt bedeuten, den Leuten etwas völlig Neues hinzustellen. Es gelte auch, an Bestehendes anzuschließen und Menschen unterschiedlicher Generationen und mit unterschiedlichen Lebenserwartungen einzubinden und die Traditionen und die Geschichte der Region und einzelner Orte zu berücksichtigen.

Die an der Diskussion Beteiligten waren sich einig, dass sie nicht nur zeitlich begrenzte Projekte durchführen wollen, sondern an etwas mitwirken möchten, das Bestand hat. Um weitere Interessierte einzubinden und gemeinsam zu überlegen, wie das aussehen kann, soll es 2021 ein Sommercamp mit kulturellem Programm, Gesprächsrunden und eingeladenen Gästen geben, um konkrete Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Um dieses vorzubereiten wollen wir uns das nächste Mal am 15. Januar (online) treffen.

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Am 9. Oktober haben wir uns das erste Mal mit einer kleinen Gruppe junger Menschen aus der Mecklenburgischen Schweiz im Projekthof Karnitz getroffen. Wir wollten uns gemeinsam darüber austauschen, warum junge Leute die Region verlassen, und was es bräuchte, damit sie wiederkommen oder auch damit andere Menschen hierherkommen, damit wir gemeinsam die Zukunft der Region mitgestalten.

Schon beim Poetry Slam im September in Karnitz ging es darum, dass die Mecklenburgische Schweiz „Fluch und Segen“ sein kann. Und was heisst „Heimat“; das wo man herkommt oder das wo man sich zuhause fühlt.  Zumindest hinterm Netto in Demmin werde die Heimat „abwechselnd ausgeschildert als Reichszone und geistreiche Zone“ (Baldo Kabuß). Es gelte aber den Heimatbegriff nicht den „Ausgrenzern“ zu überlassen. Wir müssen uns hier einbringen, um die Vielfalt zu erhalten, zu kultivieren, und sie gegen die „rechten Seufzer nach der ländlichen Scholle“ (Tim Urbanek) zu verteidigen. An diesem Abend wurde  klar, dass – auch wenn es nur einen Bus in die Stadt gibt, die Laternen um 10 ausgehen, und Youtube noch bei 144p wackelt – Mecklenburg eben nicht die Gegend sein muss, wo man einschläft ohne es zu merken. Es war ein Aufruf dazu, sich zu bewegen,  sich einbringen, neue Leute kennenzulernen und Perspektiven zu wechseln.

Wir haben uns gefragt: Wie können junge Menschen jetzt schon Möglichkeiten und Perspektiven schaffen, um hier zu bleiben, um später hierher zurückzukommen oder um andere Menschen diese Landschaft als Lebensmittelpunkt für sich entdecken zu lassen. Welche Kultur- und Freizeitangebote können wir uns vorstellen, welche Formen der Mobilität und der Bildung brauchen wir für uns und unsere Kinder, was für Arbeitsplätze müssen für die Zukunft entwickelt werden und was können wir jetzt schon dafür tun, für eine vielfältige und zukunftsfähige Mecklenburgische Schweiz, von der wir ein Teil sind?

Wir wollen diese Diskussion gerne mit weiteren Interessierten fortsetzen. Wir haben uns überlegt, dass wir uns regelmäßig (vielleicht alle 2-3 Monate) treffen: je nach Möglichkeit vor Ort oder auch online für die, die woanders Studieren oder Arbeiten. Unser Ziel ist es, uns zu organisieren, gemeinsam aktiv zu werden, einzelne konkrete Projekte umzusetzen und uns für bestimmte Veränderungen in der Mecklenburgischen Schweiz auch politisch einzusetzen und als junge Menschen hier eine Stimme zu haben.

Diese Treffen werden von uns selbst organisiert. Der Projekthof Karnitz kann uns mit Räumen für Treffen und für Programme unterstützen sowie. Er kann uns auch helfen bei der Planung und Umsetzung einer Art Sommerschule, die wir gerne im nächsten Jahr organisieren würden, um sich zu treffen, auszutauschen und Ideen zu entwickeln.

Unser nächstes Treffen ist am:
Freitag, den 27.11. um 18 Uhr

 

Zusammenfassung unserer ersten Diskussion

Klar, junge Menschen gehen nach der Schule Weg aus der Gegend, um neue Erfahrungen zu sammeln, um andere Menschen sowie neue Perspektiven und Sichtweisen kennenzulernen. Sie gehen nicht nur nach Neubrandenburg, viele zieht es auch weiter weg und in größere Städte. Dort finden sie, was sie in Malchin, Dargun oder Güstrow vermissen: Konzerte, Ausstellungen und Orte zum Feiern; Input, den es so auf dem Land nicht gibt. Dennoch können sich viele vorstellen, nach dem Studium und den ersten Berufserfahrungen zurückzukommen. Sie hängen an der Landschaft, an ihren Freunden und haben Sehnsucht nach Orten ohne Menschenmengen. Manche bleiben auch ganz bewusst hier, selbst wenn man in MV oft weniger verdient als andernorts. Sie suchen die Nähe zur Familie, wollen sich aktiv in ihrer Community einbringen, haben Freunde und Vereine hier.

Für viele ist der Job die größte Herausforderung. Was soll man hier machen? Wovon die Rechnungen zahlen? Was für Möglichkeiten gibt es überhaupt nach dem Studium, wenn man nicht zur Bank oder in die Verwaltung will? Oder muss man sich diese Arbeit oder ganz neue Arbeitsformen erst selber schaffen? Wie kann sinnvolle Arbeit hier aussehen? Und was bräuchten wir neben dem Job noch, um hierzubleiben, zurückzukommen oder hierherzukommen?

Wir wollen in den Dörfer nicht nur für uns alleine leben, sondern Gemeinschaften aufbauen und zusammenarbeiten. Wenn es nicht ausreichend Kitas und Schulen gibt, dann müsste es Möglichkeiten geben, sie selbst aufzubauen. Eigene Autos bräuchten wir nicht, wenn es ein Car-Sharing-System gebe, ausreichend Fahrradwege und die alten Bahnverbindung wieder aufgenommen würden. Wir brauchen hier keinen Massentourismus wie an der Müritz, sondern eher einen sanften und naturnahen Tourismus. Warum sollten nur ältere und reiche Leute aus Hamburg, Berlin und München hier die alten Gutshäuser sanieren? Das bringt der Region nur wenig. Können wir nicht selbst gemeinschaftlich günstigen Wohnraum für uns schaffen? Können wir nicht wieder Dinge vor Ort selbst produzieren?

Mit den derzeitigen Dürrephasen spüren wir heute schon, dass der Klimawandel nicht einfach an MV vorbeiziehen wird. Wir müssen Gelegenheiten schaffen, damit wir uns aktiv für die Umwelt einbringen können. Mit Wiederaufforstungsprogrammen und der Wiedervernässung der Moore könnte wir dazu beitragen, dass das hier nicht in wenigen Jahren zur Steppe wird. Dazu müssen wir auch neue Institutionen schaffen. Bräuchten wir nicht so etwas wie ein Umweltbauamt vergleichbar zum Tiefbauamt? Wir wollen aber auch nicht nur arbeiten. Wir brauchen auch eine vielfältige Kultur, Freizeit und Freundschaften, Möglichkeiten uns einzubringen und Orte, um gemeinsam zu Feiern.

Wie könnte ein idealen Tag in unserer Mecklenburgischen Schweiz aussehen?

Wir schlafen aus und gehen erst einmal vor die Tür, um für das Frühstück und für unsere Kollegen Obst und Gemüse aus dem Garten zu ernten. Den Rest ergänzen wir durch regionale Produkte vom Markt in Teterow oder er kommt aus dem „Fretbüdel“, den uns die MeckSchweizer vor die Haustür gestellt haben. Wir genießen die Aussicht über die wiederbewaldeten Hügel. Die Monokulturen aus Mais und Raps wurden ersetzt durch eine Landschaft aus Hecken und Baumreihen. Hier wird nicht mehr für die Biogasanlage produziert, sondern hier  wächst Obst, Gemüse und Getreide für die Region. Wir haben die Mühlen erhalten können, um Mehl, Öle und Senf vor Ort herzustellen. Die Kinder fahren mit Bus und Bahn in den Waldkindergarten oder in die Waldschule. Wir arbeiten am Vormittag und am Nachmittag, aber nicht mehr als 35 Stunden in der Woche. Mittags pflanzen wir gemeinschaftlich Bäume, legen Hecken an und schaufeln Kanäle für die Wiedervernässung der Moore. Wir kommen frühzeitig nach der Arbeit nachhause und können noch etwas im Garten arbeiten. Das lange Pendeln an den Arbeitsplatz ist Geschichte. Abends treffen wir uns dann mit unseren Leuten, und es geht zu einem Kulturabend mit Theater oder Konzert nach Karnitz oder zu den Moorbauern. Das Bier kommt aus der eigenen kleinen Brauerei. Nach hause geht es mit dem Nachtzug auf der Strecke Malchin nach Dargun oder wir teilen uns einen Shuttle. Dann fallen wir zufrieden ins Bett. In der dunklen Nacht sehen wir die Sterne und genießen die Stille.