Bürgersalon „Frisch vom Acker auf den Tisch!“

29.02.2020

Am Abend des 27. Januar 2020,  eine Woche nach „Wir haben es satt“ und der Gegendemo der Landwirte,  die mit 1000 Traktoren nach Berlin gekommen sind, um gegen die neuen Düngeverordnungen zu demonstrieren, findet auf dem Projekthof Karnitz der dritte Bürgersalon in der Resilienz-Reihe statt.

Wie bei den ersten Salons geht es um die Frage: wie resilient, also widerstandsfähig ist unsere Region? Bürger*nnen und eingeladene Expert*innen tauschen sich darüber aus, wie die Bewohner*innen der Mecklenburgischen Seenplatte mit Veränderungsprozessen, die in ihrer Region stattfinden, umgehen können.
Heute werden Fragen zu den Themenkomplexen Ernährung und regionale Landwirtschaft erörtert: Wie sieht es – im Kontext der Debatte und die Förderung regionaler Strukturen und der Sicherung der Daseinsvorsorge in Mecklenburg Vorpommern – mit der regionalen Wertschöpfungskette in der Lebensmittelproduktion aus?
Was produzieren Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern und wo vermarkten sie ihre Lebensmittel? Welche Erfahrungen machen zum Beispiel Großküchen in Krankenhäusern und Kindergärten, wenn sie mehr regionale Produkte anbieten wollen?

Was heißt regional?

Die fast dreißig Gäste, die in dem zum Arbeits- und Veranstaltungsraum umgebauten Stall auf dem Projekthof zusammenfinden, sind genau so verschieden wie die vielen Tische, die um vier alte Holzpfeiler herum gruppiert wurden.
Getreidelandwirte, Milchviehhalter und Fleischproduzenten sowie landwirtschaftliche Betriebe mit angeschlossenem Hofladen, Händler, Gastronomiebetriebe, Gärtner, Bäcker und das Landwirtschaftsministerium MV sind vertreten.

 

So zum Beispiel Grete Peschken, die eine Gärtnerei in Schwastorf betreibt. Peschken verwendet ausschließlich samenfestes Saatgut und hat eine große Leidenschaft für alte widerstandsfähige Gemüsesorten, die sie in ihrem Garten kultiviert. Eigentlich würde sie ihre Produkte gerne in der direkten Umgebung vermarkten, findet dort aber nicht genügend Abnehmer. Die Anzahl der Konsumenten, die ihr Gemüse dem Angebot der Discounter vorziehen, scheint in Mecklenburg-Vorpommern sehr überschaubar zu sein. Die Foodie-Szene in Berlin jedoch ist total scharf auf ihre Erzeugnisse, ihr Vertrieb hat sich bereits zum Selbstläufer entwickelt: inzwischen beliefert sie dort fast 30 Haushalte mit SoLaWi-Kisten. Auch das Restaurant Nobelhart & Schmutzig von Sternekoch Billy Wagner, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, ausschließlich regionale Zutaten zu verarbeiten, wird zweimal pro Woche von ihr versorgt. Allerdings: ist es noch wirklich regional, wenn Produkte von Schwastorf über 130 km nach Berlin transportiert werden?

Wer mit Investitionen vorangehe, könne gegebenenfalls mit Beteiligungen durch das Land rechnen

Welche Priorität hat die Förderung regionaler Strukturen für die Landesregierung? Dr. Joachim Borner, Begründer des Projekthofs Karnitz, eröffnet den Abend. „Wir hätten nie gedacht, was für ein großes Fass das ist, Ernährung und regionale Landwirtschaft. Diese komplexe Fragestellung, die man nicht heruntergebrochen bekommt, kann nur in Abschnitten erörtert werden. So wäre zunächst zu klären: wo sind neue Handlungsräume, welche Kooperationen gibt es, wo sind die Konfliktfelder und wie sieht der produktive Umgang damit aus? Anschließend, schlage ich vor, befassen wir uns mit den Akteuren und der Frage, wie wir in sozialen Einrichtungen regionales, gesundes Essen organisieren.“
Er gibt das Wort an Herrn Dr. Buchwald. Der Staatsekretär des Landwirtschaftsministeriums MV berichtet ausführlich von den Bemühungen der Behörden, den Zwängen der internationalen Wirtschaft und neuen Förderprogrammen, mit welchen die Landwirte sich Beratungen zur Diversifizierung ihrer Betriebe finanzieren lassen können. Grundsätzlich sei das Land sehr interessiert daran, regionale Strukturen zu fördern. Er bedauert, dass es an Verarbeitern, z.B. Schlachtbetriebe oder Betriebe die Gemüse waschen, schneiden und an Großkunden vermarkten, fehlt. Jeder, der gute Ideen habe, sei willkommen, diese vorzustellen. Wer mit Investitionen vorangehe, könne gegebenenfalls mit Beteiligungen durch das Land rechnen.

Jeden Tag im Supermarkt eine Volksabstimmung

Für Heike Müller, Landwirtin und Vorsitzende des Bauernverbandes Malchin, die jeden Morgen für ihre fast 3000 Liter Milch, zu ostdeutschen Zeiten morgens um 3 gemolken, sichere Abnehmer braucht, erscheint die Frage nach regionalen Kreisläufen unsinnig: bei solchen Größenordnungen wäre es schlicht unwirtschaftlich, Kitas oder Kliniken mit ein paar Liter Milch pro Woche zu beliefern. Für den Sohn ihres GbR Partners Wetzel, der den Betrieb in nächster Generation übernehmen wird, stellt sich sogar grundsätzlich die Frage, ob Milchviehwirtschaft in Zukunft überhaupt noch wirtschaftlich zu betreiben ist – wahrscheinlich eher nicht. Da ist er wieder, der globale Markt, der die Preise bestimmt.
Trotzdem plädiert sie für diese von ihrem Betrieb praktizierte industrielle Form von Landwirtschaft. „Die Mitarbeiter haben bei uns bessere Bedingungen als bei den oft sich selbst ausbeutenden Kleinbauern, die von morgens bis abends arbeiten und von der Hand in den Mund leben. Im Übrigen,“ fügt sie hinzu: „findet jeden Tag im Supermarkt eine Volksabstimmung statt“.
Es bleibt offen, ob Sie damit meint, dass das Volk preisgünstige Industrieprodukte haben will und weiterhin bekommen soll oder ob sie dem Endverbraucher damit sagen will: wenn Du bereit bist, mehr zu zahlen, wird es auch wieder mehr Landwirtschaft geben, für die regionale Wertschöpfung mehr bedeutet als die Abwesenheit von Massentierhaltung und Effizienz: vielfältige Netzwerke, die ländliche Regionen beleben und ihren Bewohnern Bildungschancen und Arbeitsplätze in einer anregenden Arbeitsatmosphäre mit eigenen Gestaltungsspielräumen bieten.
Dr. Jürgen Buchwald erwähnt jenen Akteur, der für die Qual der Wahl vor dem Supermarktregal sorgt: „bei Tönnies kostet der gesamte Schlachtvorgang pro Schwein ganze 7 Euro, während kleine handwerklich arbeitende Schlachtbetriebe Schlachtkosten von rd. 50,- Euro pro Schwein in Rechnung stellen.“ Der Schlachthof Teterow musste aufgeben, weil er trotz seiner 10.000 Schweine pro Woche nicht so wirtschaftlich arbeiten konnte wie die Schlachterei Tönnies. Die Schließung des Schlachthofes Teterow verteuert insbesondere die Schweineschlachtung von speziellen Qualitätsprogrammen wie Strohschweinen oder aus der ökologischen Erzeugung und erschwert die Einhaltung von Transportvorgaben dieser Programme. Regionale Lieferketten wurden zudem unmöglich.

Abhängigkeit der Landwirte vom Weltmarkt

Landwirt Dietrich Jaenicke spricht aus, was sich Kinder (die im Kindergarten noch „Hejo, spann den Wagen an“ singen) und auch viele Erwachsene nicht vorstellen können: unser Getreide wird in Chicago an der Börse gehandelt, und wenn in den Weiten Russlands durch ein Unwetter die Ernte ausfällt, dann steigt der Preis und der Mecklenburger Landwirt öffnet mit einem Mausklick sein Scheunentor, woraufhin der Weizen auf einem Frachtschiff (60.000 Tonnen) seinen Weg nach Afrika oder Saudi-Arabien findet. Wenn allerdings in Australien mit seinen endlosen Flächen eine super Ernte eingefahren wird, sinkt der Weizenpreis und der Mecklenburger Bauer wird sich hüten, seinen Weizen zu verkaufen. Die bewirtschafteten Flächen in MV sind strukturbedingt so riesig, dass die Frage nach einer Vernetzung der hiesigen Landwirte mit Küchenbetreibern schon fast naiv anmutet. Jänicke erzählt weiter, dass er „übrigens auch Massentierhaltung“ betreibe. Nur ein Produkt allerdings könne er regional vermarkten: den Honig seiner 120.000 Bienen. „Für alle anderen Produkte wie Weizen und Erbsen gibt es keine verarbeitenden Abnehmer auf regionaler Ebene.“

Verschwinden regionaler Verarbeitungs-Betriebe

Seinen Hafer lässt er zu 90% in die große Mühle Brüggen nach Lübeck bringen, die Haferflocken und Müslimischungen an nationale und internationale Handelsketten vertreibt. Sie zahlt deutlich mehr als das, was er für sein Exportgetreide bekommt. Er musste dafür aber auch schon mal in Kauf nehmen, seine komplette Lastwagenladung wieder zurückzunehmen. „Wegen eines Fliegenbeins im Getreide!“ Der pragmatische Landwirt, der inzwischen über so viel übertriebene Qualitätskontrolle lachen kann, beliefert die Mühle trotzdem weiter, weil er es gut findet, dass am Ende ein konkretes Produkt immerhin auch im Malchiner Supermarkt im Regal steht – aus seinem selbst angebauten Hafer. Jaenicke zeigt sich erfreut darüber, dass auch Großküchen mit am Tisch sitzen, mit denen er sich später noch austauschen wird. “Ich denke, wir stehen da schon mal an einem guten Anfang.“
Er pufft seinen Sitznachbarn freundschaftlich. So würde er seinen Hafer zum Beispiel gerne auch von Bäckern aus der Region verarbeiten lassen. Gerade an solche, die noch etwas von traditionellem Handwerk verstehen, wie Christoph Hatscher aus Stavenhagen.
Die Bäckerei mit 15 Filialen in der Mecklenburgischen Seenplatte kann sich sogar damit rühmen, eine der ältesten Sauerteigkulturen ihr Eigen zu nennen. Ein Exemplar des seit 1941 durchgehend immer wieder neu angereicherten Roggenfladens wurde sogar in die belgische Sauerteig-Bibliothek aufgenommen, da er über eine besondere, für Deutschland untypische Hefekultur (Kasachstania humilis) verfügt.
Bisher bezieht Hatscher sein Mehl aus der Mühle in Jarmen. Der größte Mühlenbetreiber Europas, Firma GoodMills, bekannt für Marken wie Aurora und Diamant, die den seit 130 Jahren bestehenden Mühlenbetrieb nach der Wende übernommen hat, wird jedoch Ende September diesen Standort schließen. 70% des Getreides kommt aus dem Umkreis von 30 km, heißt es in der Broschüre des mecklenburgischen Vorzeigebetriebs. Dass er tatsächlich schließen muss, ist ein herber Schlag für die Region. Jaenicke kann sein Getreide also nicht mehr in Jarmen vermahlen lassen und an Hatscher verkaufen. Dem Bäckermeister wird nichts anderes übrig bleiben, als sein Mehl in Zukunft aus Hamburg zu beziehen.

Kurzfristigkeit in Großküchen

Jetzt ergreift Liane Sommer, Küchenleitung des Bonhoefferklinikums in Neubrandenburg und Malchin das Wort. Sie versorgt Mitarbeiter, Patienten und eine Kita mit bis zu 1600 Essen pro Tag. Als Diätköchin hat sie hohe Ansprüche an gesunde und regionale Ernährung. Allerdings sind die Mitarbeiter sehr preissensibel. „Die regionale Spargelwoche zum Beispiel ging nach hinten los, das Personal griff zu den günstigen Standardangeboten. „Und als ich neulich den Nudelauflauf für die Kinder mit frischem Gemüse aufpeppt habe, ist der Brokkoli liegen geblieben.“ Grundsätzlich würde sie den Bio- und Regionalanteil schon gerne erhöhen, aber die Mengen und die Aufbereitung, die sie auch manchmal kurzfristig benötigt, kann ihr kein regionaler Landwirt bieten, dafür fehlen dort einfach die entsprechenden Strukturen. „Wenn ich aufgrund einer Veranstaltung ad hoc am nächsten Tag 80 Schnitzel brauche, dann bekomme ich die bei chefsculinar sofort.“

Im Winter jeden Tag Wurzelgemüse in vielen Varianten

Dr. Joachim Borner schwenkt das Gespräch auf die beiden Köchinnen aus Greifswald um. Wie haltet ihr es mit den regionalen Lebensmitteln? Wo bekommt ihr sie her? Die beiden Köchinnen Ina Putensen und Magdalena Krakowiak, Betreiberinnen des Cateringbetriebs Gran Gusto, stellen sich vor und berichten: „Wir haben mit 20 Kindern vor sechs Jahren angefangen und versorgen heute täglich 600 Kinder bei einem Bioregionalanteil von fast 80%. Preisdiskussionen hatten wir kaum. Das größere Problem war die Fleischdebatte, die wir mit den Eltern führen mussten, als sie den Fleischanteil zugunsten des regionalen pflanzlichen Produkts reduzierten. Wenn das Fleisch wegfällt, fehlt ja ein wichtiger Nahrungsbestandteil. Wir haben viel Aufklärungsarbeit geleistet und ersetzen es z.B. mit unterschiedlichen Hülsenfrüchten. Inzwischen sind die Eltern begeistert von der Qualität und ziehen mit. Es funktioniert nicht, wenn man den Anspruch hat, alles immer sofort haben zu müssen – dann landet man wieder beim Anbieter von billiger, industrieller Massenware. Wir haben im Moment einen Essenpreis von 2,99 Euro, das wird nicht immer so bleiben, aber viel mehr wird es nicht werden. Es ist anders als früher, ganz klar. Im Winter gibt es jeden Tag Wurzelgemüse, aber in allen Varianten, so auch als Sellerieschnitzel – es geht gut!“

Wo sind die regionalen Anbieter?

Astrid Remann, Kita-Leiterin einer Kita in Basedow und in Remplin mit insgesamt 40 Kindern ist auch gekommen. „In Basedow gibt es keinen Konsum mehr, deshalb sind wir immer darauf angewiesen, im Discounter zu einzukaufen. Im Moment arbeiten wir noch mit einem großen Küchenanbieter zusammen, sind jedoch nicht mehr zufrieden und würden gerne selbst kochen. Natürlich würde ich im Sommer lieber die Tomaten aus Deutschland kaufen, aber es sind selten welche zu finden. Wir haben auch einen eigenen Garten, mit Möhren, Bohnen und Erbsen und machen auch für ein paar Tage unser eigenes Essen und haben auch das Saftmobil da gehabt und unsere 900 Liter Saft selbst pressen lassen. Unser Problem sind die Eltern – nicht die sozial Schwachen, die bekommen Zuschüsse. Die Selbstzahler kommen auf bis zu 120 Euro pro Monat pro Kind: ein Mittagessen kostet 3,40 Euro und für Frühstück und Vesper kommen 6 Euro pro Tag und Kind zusammen.“
Anschließend berichtet Herr Lerm aus Greifwald, Betriebsleiter der „Hansekinder“ davon, wie er dazu kam, sich für Küchen in Kitas einzusetzen. „Die Köchin als gute Seele in der Einrichtung – so kenn ich das von früher. Das Haus duftet, die Kinder erleben ja auch was. Das ist ja auch ein ganz wichtiger Aspekt der frühkindlichen Bildung. Dass die Kinder da herangeführt werden: was ist denn eigentlich Landwirtschaft, wo kommen die Lebensmittel her, was ist eigentlich das Ursprungsprodukt? Wir haben das versucht, es war ein großer Kampf, es muss durch die städtischen Gremien durch, ist ja auch erstmal viel Geld, das man investieren muss (Anm.: ca. 450.000 Euro für eine Vollküche ab 200 Portionen pro Tag). Jetzt haben wird gerade wieder zwei Neubauprojekte in Planung und hoffen, dass in ein paar Jahren alle 14 Kitas selbst frisch kochen können.“ Er ermutigt Astrid Remer, nicht nur auf Fördermittel zu setzen und den Umbau über Bankkredite zu finanzieren.
„Das mit den regionalen Anbietern ist für uns übrigens auch ein Problem. Denn wenn man aus der Gastronomie kommt, ist man dieses Großlieferantengeschäft gewohnt. Und bei uns stellt sich deshalb die Frage: Wo finden wir die regionalen Anbieter? Unser Köchinnen können ja nicht die ganze Region erkunden. Da wäre es schön, wenn es einen Katalog gäbe, in dem man die Produkte findet.“

Genossenschaft MeckSchweizer und Hof in Alt Sührkow 

Jetzt ergreifen die Leute der Genossenschaft MeckSchweizer die Gelegenheit, ihre ansprechend aufgemachten Flyer herumgehen zu lassen. Bernd Kleist erzählt, wie damals die Idee entstand, einen Dorfladen in Gessin zu eröffnen.
„Das war schon ne mutige Geschichte, für 65 Dorfbewohner, die es in Gessin noch gibt, einen Laden zu eröffnen.“
Er erzählt von einem Kürbis aus seiner Region, den er mal bei einem Großhändler bestellt hat und der auf dem Weg zu ihm unglaubliche 1000 km zurückgelegt hat. „Wir machen einen logistischen Unsinn, fahren dreimal um den Erdball! Wo findet Einzelhandel heute statt? Auf der Autobahn!“ Bernd Kleist brennt für sein Thema und beobachtet auch ein Umdenken: „Die Leute wollen wissen, wo das Essen herkommt. Wenn alle mitmachen würden, dann könnte es funktionieren.“
Die MeckSchweizer haben sich auf die Fahnen geschrieben, regionale Produkte bekannt zu machen und übers Internet zu vertreiben. Mit Gastronomen hat es jedoch leider bisher nicht geklappt, weil sie ihre Speisenkalkulation an den unschlagbar niedrigen Preisen des internationalen Großhandels ausgerichtet haben, die ihnen jederzeit Karotten und Kartoffeln in der jeder beliebigen Aufbereitungsform liefern können.
Mit einem anerkennenden Blick verweist Bernd Kleist auf Matthias Hantel, der einen Hof in Alt Sührkow betreibt.
Er bewirtschaftet 2000 ha in Form eines Gemischtbetriebes mit einer ganzen Reihe von Produktionszweigen, 670 ha davon sind Grünland. Wir haben sowohl ökologische wie auch konventionelle Landwirtschaft: Milchkühe, Ackerbau, Mutterkühe (regionale Rinderrasse Uckermärker), einen Hofladen und ein Restaurant. Mit 40 Angestellten gehört der Hof zu den führenden Betrieben in Alt Sührkow. „Meine Rinder verbringen mit ihren Mutterkühen ihr ganzes Leben auf der Weide und werden nach den strengen Richtlinien der Biopark e.V. gehalten und durch diese auch vermarktet. Bei wem das Fleisch am Ende auf dem Teller landet? Ehrlich gesagt: keine Ahnung.“ Mit Hofladen und eigenem Restaurant ist der Betrieb jedoch ein erfolgreiches Beispiel für regionale Wertschöpfung und auch deshalb so erfolgreich, weil er zwar z.B. die Bio-Fleischvermarktung Bereiche auslagert, aber durch die hohen Qualitätsmaßstäbe trotzdem wirtschaftliche Preise erzielen kann.
Schließlich kommt Jörg Piontek vom Waldgut Hardtland Hagensruhm auch zu Wort. Der ehemalige Geschäftsführer des Schlachtbetriebs Teterow betreibt inzwischen eine Mutterkuhaufzucht im Nebenerwerb. Auch er geht nochmal auf die Auflösung der Strukturen ein und die Paradoxie der Tatsache, dass argentinisches und australisches Rindfleisch, das in Basedow im Farmers Steakhouse bis vor kurzem auf den Tisch kam, günstiger als das hochwertige, direkt auf der Weide geschossene Rind von Reinhold Dettmann zu haben war.

Neue Ideen und Erhalt von Traditionen

Nachdem der moderierte Austausch im Bürgersalon offiziell beendet ist, unterhalte ich mich noch mit einem jungen Mann, Konstantin Kaufmann, der etwas später gekommen ist und frage ihn, was er beruflich macht: „Habe gerade heute mein Projekt begraben.“ Ich erfahre, dass er sich darauf spezialisieren wollte, Sterne-Restaurants mit qualitativ hochwertigen landwirtschaftlichen Produkten der Region zu beliefern. Die Idee dazu entstand im Praktikum auf Grete Peschkens Hof während seines VWL-Studiums. „Die Köche wollen aber auf dem Acker stehen, mit den Landwirten selbst reden, um sich zu neuen Ideen inspirieren lassen und in der Stadt was erzählen zu können.“ Das störte er nur mit seiner gemeinten Logistik. Und wie weiter jetzt? „Vielleicht arbeite ich jetzt erstmal wieder bei Grete im Garten.“
Ich plaudere noch ein paar Takte mit Gisela und Herich Wyrich Adolphi, Landwirte, die leider gar nicht zu Wort gekommen sind und erkundige mich nach ihrem Spezialgebiet: Getreidelandwirtschaft, große Anbauflächen. Das Paar äußert sich sichtlich positiv überrascht darüber, dass die Teilnehmerrunde so heterogen war, sie haben die Debatte interessiert verfolgt. Was ihn beschäftige, sei z.B. die Tatsache, dass „bei Milchprodukten die Tierhaltung für die Verbraucher merkwürdigerweise eine viel geringere Rolle spielt als beim Fleisch“.
Ich wage die Prognose, „dass es wahrscheinlich nicht mehr lange dauern wird, bis die Debatte um in industrielle Produktionsbedingungen auch die tierischen Milchprodukte erreicht hat,“ woraufhin er entgegnet: „Es macht sich ja keiner klar, von wem die Weidelandschaften instand gehalten werden sollen, wenn es durch die Ausbreitung von Veganismus irgendwann keine Rinder mehr gäbe. Sie werden immer häufiger dafür eingesetzt, durch entsprechende Beweidungskonzepte den Lebensraum für Weißstorch, Wiesenbrüter und andere in ihrem Bestand bedrohte Tier- und Pflanzenarten zu sichern und wieder herzustellen.“
Bilder von Wildpferdeherden und Galloway-Rindern ziehen mir durch den Kopf. Und die Frage, ob sich eine Mehrheit für Förderprogramme finden würde, die Landwirten erlauben, vom Aussterben bedrohte Rassen zu züchten und zum Erhalt oder der Zurückgewinnung von Biotopen beizutragen, ohne dabei auf Einnahmen durch Fleischverarbeitung angewiesen zu sein.
Realistischer erscheint mir jedoch die Überlegung, die Adolphis und Christoph Hatscher dafür zu begeistern, sich mit anderen Getreidebauern und den restlichen noch nicht ausgestorbenen Bäckern in Mecklenburg Vorpommern zusammen zu tun, um eine Genossenschaft zu gründen, mit der sie die über 100 Jahre alte Mühle in Jarmen retten könnten.

Einer Genossenschaft für den Schlachthof in Teterow kann ich als Vegetarierin trotz meiner Leidenschaft für den Genossenschaftsgedanken bei bestem Willen nichts abgewinnen. Regionale Wertschöpfung hin oder her. Bei der Mühle aber wäre ich sofort dabei.

Wie jetzt weiter?

Leidenschaftliche Köchinnen wie Magdalena Krakowiak und Ina Putensen von Gran Gusto Catering, visionäre Unternehmer wie Achim Lerm aus Greifswald, Familienunternehmen wie die Bäckerei Hatscher, begabte Betriebsleiter wie der auf Diversifizierung setzende Landwirt Matthias Hantel aus Alt-Sührkow sowie der umtriebige Netzwerker Bernd Kleist mit seinem Dorfladen in Gessin und alle anderen Teilnehmer zeigen, dass sie für ihr Thema brennen und es ihnen trotz der Dynamik der globalen Märkte und vieler weiterer Widerstände gelungen ist, hochwertige und für den Durchschnittsverbraucher bezahlbare Produkte herzustellen und damit regionale Wertschöpfungsketten aufzubauen.

Wie können wir sie mit anderen Akteuren zusammenbringen, die diesen Weg auch gehen wollen? Ein nächster Schritt könnte vielleicht sein, über die Resonanz zu dieser Berichterstattung weitere Akteure zu erreichen. Vielleicht wäre ein Mentoringprogramm, in dem die „Raumpioniere“ ihr Wissen und ihre Erfahrung weitergeben, eine Möglichkeit?

Im Anschluss an den Austausch finden sich die Gäste zu Martinas Kürbissuppe und Ciabatta mit Mehl aus Altkalen in der großen Küche ein. Am Ende werden sogar noch kulinarische Schätze hervorgezaubert: eingelegte Zitronen vom eigenen Baum! In den Gaumen der Gartengourmets leuchtet der Sommer noch lange nach…

Spanien, Holland und die Ukraine in einem Döner

Am nächsten Morgen geht’s wieder zurück nach Berlin, Martina hat mich am Bahnhof in Malchin abgeliefert. Es ist 10:15 Uhr. Heißt: 29 Minuten Warten in der kalten Bahnhofshalle, in der eine zugeklappte Tischtennistischplatte eine immerhin indirekte Wärmequelle darstellt. In Ermangelung von Mitspielern (ganz zu schweigen von Bällen) entscheide ich mich für Mirways Dönerhaltestelle gegenüber.
Obwohl ich seit der Vorbereitung dieses Bürgersalons so viel weiß über den Irrsinn der Lebensmitteltransporte durch die ganze Welt, schaffe ich es manchmal nicht, meine eigene Lebensmittelversorgung so vorausschauend zu planen, dass ich an Orten, an denen man nicht weiß, woher das Essen kommt, nicht doch plötzlich hungrig bin.
Ich bestelle einen Gemüsedöner und bereue umgehend, dass ich nicht ein leckeres selbst gebackenes Brot aus Karnitz mitgenommen habe. Die Tomaten kommen aus Spanien, der Salat aus Holland, das Getreide aus dem Fladenbrot stammt – ich habe nachgefragt  – aus der Ukraine.
Der nette Dönerladenbetreiber stellt seinen Aufsteller raus und steckt Kabel der beiden Glücksspielautomaten ein, die langsam aufwachen. „SUN! Los Angeles“ blinkt auf dem einen in vielen Farben und „SUN! Las Vegas“ auf dem anderen in vielen anderen Farben. Ach, Amerika! Du warst doch gestern auch schon da.

Nachtrag: Ich habe gerade erfahren, dass bereits letztes Jahr eine Bürgerinitative zur Rettung der Mühle in Jarmen gegründet wurde. Es wurden mittlerweile über 7.000 Unterschriften gesammelt. Unterschriftenlisten liegen in allen Bäckereien der Region aus. Am Montag, den 17. Februar um 19 Uhr findet das nächste Treffen im Haus der Begegnung in Jarmen statt.

Anna Hope