Spiel, Kunst und Komposition

„Right Here Right Now“ (FAT BOY SLIM)

Wir waren wieder zur Halbzeit der Herbstferienfreizeit auf dem Projekthof mit der Kamera dabei und haben von Christian Kabuß erfahren wollen, was es mit dem „Soundspiel“, so der Titel, eigentlich auf sich hat.

„Die Vorgabe im Workshop ist, uns mit dem Anthropozän, dem Zeitalter des Menschen, zu beschäftigen. Das ist unser eigenes Leben – wir können von unseren eigenen Erfahrungen ausgehen. Hoher Anspruch wird nun, ‚unser‘ Anthropozän irgendwie einzuordnen oder mit einer Grundstruktur zu versehen.

Wir machen das, weil wir kreativ sind, im Medium von Klängen und Bildern. Die ersten Übungen zum Strukturieren gehen von Diagrammen aus, die im Brainstorming, zusammengestellte Begriffe unserer Umwelt in eine sinnhafte Grundstruktur bringen.

Mit der Arbeitsrichtung sinnhaft → sinnvoll wurde dieses diagrammatische Herantasten bereits mehrfach durchlaufen. Vor allem auf dem Weg ikonischen Arbeitens, mit kleinen sich auseinander entwickelnden Zeichnungen, haben wir Begriffe verdichtet und mit ihnen beschreibbare konkrete Lebenssituationen gewonnen.

Dann fanden – beim Fußballspielen – wir heraus, dass Musik Grundstrukturen aufweist, die zu unseren lebensweltlichen Bild-Wort-Diagrammen ähnlich sind!

Intuitive Ideenfindung durch Kreativitätstechniken als Konstante des Workshops

„Wir hatten z.B. Notenständer als Begriff für Kreativlosigkeit, als Gegenteil von so einer kreativen Sache wie Musik. Tabu, das Spiel, ist ein Inbegriff für Kultur, weil es gemeinschaftlich ist und viel mit Sprache zu hat und halt auch ein Spiel ist. Und je weiter wir auf dieser Achse zurückgehen, desto weniger kultiviert ist etwas. Und Computer haben wir für künstliche Intelligenz genommen. Also, je mehr Computer, um so intelligenter ist etwas, aber auch künstlicher. Und dann haben wir aus diesem Diagramm, hier an diesem konkreten  Punkt, die Aussage: Kreativlosigkeit bei Kultur im Minusbereich ist verbunden mit dezent erhöhter künstlicher Intelligenz. Also ja… “ (BALDO)

„Die Begriffe aus der ersten Runde, schwirrten im Raum, standen auf Büchern, waren in unseren Gedanken. Wie bei Alice im Wunderland, dem Weltwerk der Nonsense-Literatur, entstand aus ihrem Zusammenhang Bedeutung – im Medium der eigenen Erfahrungen.

Jetzt sind wir dabei, zu verdichten, also aus den intuitiv in großer Freiheit gewonnenen Begriffen solche auszuwählen, die für die Charakterisierung unseres Lebens besondere Bedeutung haben könnten, und diese zu differenzieren. So tritt zur Ordnungsleistung schöpferische Leistung.

Unsere Grundmetapher für das Strukturieren und Differenzieren ist das Diagramm aus der Mathematik, mit dem man Raum durch drei Koordinaten beschreibt. Vor der Folie unseres Themas Mensch, Menschenzeitalter haben wir jetzt drei oder vier Vorgänge der Verdichtung durchlaufen.

Was die erste Runden gebracht hat, ist, dass man aus zufälligen Begriffen wie ‚endoplasmatisches Retikulum‘, ‚Malchin‘ oder ‚Dezember 2052‘ (als Zukunftsjahr, das man ja auch wieder stufen kann in Jahre, Monate, in Wochen, in Tage, Stunden, Sekunden…) durchaus kluge Aussagen, die bestimmte Situationen bewerten, gewinnen kann. Da steckt unsere Interpretationsleistung, Erfahrungsleistung, Lebensleistung dahinter: ‚Im August 2052 ist in Malchin das Lebensgefühl leicht positiv bei niedriger Komplexität‘ oder eben auch ‚Kreativlosigkeit bei Kultur im Minusbereich ist verbunden mit dezent erhöhter Künstlicher Intelligenz.‘ Ja okay, und es macht ja auch noch Spaß, dem Nonsense eine Richtung zu geben.“

Multidimensionale Narrativität

„In der zweiten Runde der Verdichtung haben wir uns Gedanken gemacht, wie Objekte (oder wir selbst) an den Ort kommen, an dem sie sich (wir uns) befinden, zu dem und dem Zeitpunkt… Wie kommen die Dinge und Lebewesen ins Zeitalter des Menschen, in ihre konkrete Situation in der Lebensumwelt.

Zum Beispiel: Wie kommt das Fahrrad in diese Stadt, hier auf der Karte von Malchin. Eine  Idee war z. B. die Statue eines Fahrrads…“

„Dann hatten wir beispielsweise noch die Idee, dass das Fahrrad programmiert wird vom Handy, oder dass die Aliens das Fahrrad auf die Erde gebracht haben. Wir hatten dann noch mehrere Ideen, beispielsweise, dass die CIA das Fahrrad mit ihrem Spionageflugzeug  und das Fahrrad als Spion nach Malchin heruntergelassen hat und ähnliches…“ (Hannah).

„Ausgehend vom einfachen Koordinatensystem, wie wir es aus dem Schulunterricht kennen, haben wir zur Ortung eines Fahrrades in der Stadt schon eine ordentliche Mehrdimensionalität erreicht. Baldo meint, in der Physik wären wir bei 26 Dimensionen zur Erklärung der Welt – da kommen wir in einigen unserer Versuche ziemlich nahe ran.

Wichtig ist mir, zu vermitteln, dass so ein Zustand, so ein Koordinatenmittelpunkt, sich in unserem Sinne als ein Schnittpunkt von ganz vielen Geschichten verstehen lässt. Nehmen wir das Beispiel eines Werbespots, einerseits hat der seine eigene Story, seinen Werbezweck, aber das Model, das da auftritt, hat auch selbst eine bestimmte Lebenssituation, vielleicht gar keine Lust zum Arbeiten oder gerade ganz viel Lust zum Arbeiten, das wären dann schon 3 mögliche Erzählungen, die sich gerade in diesem Moment des Fotos oder des Filmes kreuzen.

Im Workshop wurden uns so die Dimensionen unserer Koordinatensysteme zu Dimensionen im Sinne von Geschichten. Ein Übergang von differenzierbaren Werten und Begriffen zu Narrativität und mehrdimensionalen Geschichten.“

Begriff des Anthropozän liefert die ganzheitliche Bindung für die erarbeitete Mehrdimensionalität

In der dritten Stufe haben wir dann gesagt, jetzt sind wir bei unserem Thema, dem Anthropozän.  Es geht jetzt nicht mehr um zufällig gewonnene Gegenstände, um bestimmte exemplarische Begrifflichkeiten, sondern der Mensch mit seinen Stärken und Schwächen steht im Mittelpunkt unseres Denkens. Wir versuchen, die Dimension, die uns der Mensch ausmacht, herauszufinden. Im Zentrum dieses vieldimensionalen Koordinatensystems steht der bärtige Mensch aus dem Video „Right Here Right Now“ von Fat Boy Slim.

In zwei Gruppen – die eine guckte nach Slims Problemen und die andere, wo Fat Man in der Welt steht –  ergründeten wir Reisen und Metamorphosen des Menschen in den Mittelpunkt der Welt. Und sein Driften aus diesem Zentrum heraus in die Zukunft!

Wie es mit dem Menschen weitergeht, ausgehend vom Zeitalter des Menschen – da haben wir jetzt für die zweite Workshophälfte noch einiges darüber nachzudenken und wir wollen  das mit dem anderen Bereich, unserem Paralleluniversum der Musik und des Spiels, an denen wir parallel arbeiten, verknüpfen.“

Musizieren als zweite Konstante des Workshops

„Der Gedanke der Sphärenharmonie beschäftigt den Menschen seit seinem Gedenken. Die Anregung für die Verknüpfung unseres Nachdenkens in Dimensionen mit der Musik lieferte der Designtheoretiker Abraham B. Moles, der in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts für Töne dreidimensionale Klangportionen im Raum (m.E. x=Dauer, y=Lautstärke, z=Tonhöhe) vorschlug.

Bitten wir Tim, die Ukulele an den nächst sitzenden Ukulelespieler weiterzugeben, um unsere Hintergrundmusik fortzuführen, und kurz zu skizzieren, wie man von Koordinaten im Raum zu einem musikalischen Thema kommt.“

 „Die Abdrücke der Fußbälle sind dadurch entstanden, dass wir gegen die Leinwände geschossen haben und ich habe dabei eine Ähnlichkeit des Punktmusters zu Noten auf einer Notenlinie entdeckt. Durch die Abstände der Abdrücke zueinander und der vertikalen Ausrichtung, habe ich die beiden Bilder in Stücke umgesetzt.“ (TIM)

Dimensionen unserer Idee des Soundspiels an dem wir arbeiten, sind von hier aus: Musikalität als Paralleluniversum zur Lebenswelt des Menschen, Widerspiegelung unserer thematisch bezogenen Strukturierungs- und Differenzierungsleistungen und unserer Lebenskultur hier vor Ort in der einzelnen musikalischen Form – und in der Dramaturgie und Musik einer spielerischen Performance, in der sich unsere Lebenswege kreuzen.

Christian Kabuss, Oktober, 2017.

Die Ferienfreizeit Klangbilder fand vom 21. – 30. Oktober 2017 (Herbstferien) aud demProjekthof Karnitz e.V. statt. Der Musiker Christan Kabuß und der Wissenschaftler Joachim Borner, arbeiteten mit Jugendlichen, um deren Lebensentwürfe orientierend gestalten und reflektieren, um diese künstlerisch in verschiedene Klangbilder für eine humane Welt zu übersetzen.