Wie gehen Regionen mit unerwarteten Störungen um?

Das Resilienz-Konzept – für eine agile, robuste, zähe und tolerante Region. Resilienz wird definiert als die Kapazität einer Stadt, oder Region, um Störungen unbeschadet aufzufangen. Doch was bedeutet das für die Region Mecklenburgische Schweiz?

Die Bevölkerung wird hier in den nächsten Jahrzehnten nochmal um prognostiziert 20% zurückgehen, was Druck auf die Daseinsvorsorge bringt. Und das nächste trockene Jahr ist bereits spürbar. Welche neuen Strukturen brauchen wir im Zeitalter des Menschen (Anthropozän), in der sozioökonomische und erdsystemische Entwicklung in die Extreme weisen (Great Acceleration), weil der Mensch maßlos Ressourcen verbraucht? Welche lokalen Veränderungen müssen wir einfordern, damit wir als Region resilient sind?

Unser Gast Prof. Dr. Harald Kegler Ingenieur für Stadtplanung und Resilienz-Experte an der Universität Kassel erläuterte zunächst die Kriterien von Resilienz: Widerstandsfähigkeit, Verlässlichkeit (Reparaturfähigkeit durch Multifunktionalität), Redundanz (das Beispiel Brücke und Furt als zwei gangbare Alternativen) und Reaktionsschnelligkeit (Wille zur Veränderung).

In Bezug auf die Daseinsvorsorge kommen Modularität (gestaffelte Verteilung von Funktionen im Ländlichen Raum), Diversität (statt Monokultur, oder Monofunktionalität) und Kooperation (statt Konkurrenz) hinzu.

Die Vulnerabilität, also Verwundbarkeit von Infrastruktur ist dabei ein großes Problem. Die Lösung: Suche nach Alternativsystemen, Etablierung von Systemen, die leicht zu reparieren sind, Dopplung von Strukturen, Kombination verschiedener Strukturen. Dabei sei die Kombination aus Schaffung von Sicherheiten und die Möglichkeit von Entwicklungen für die Daseinsvorsorge zentral, damit eben jene Strukturen erhalten bleiben können, die derzeit mehr und mehr abgebaut werden.

Systemische Probleme sind nicht individuell lösbar. Deshalb spielt die Raumstruktur eine wichtige Rolle. Die Raumstruktur von Dörfern und Städten, die erhalten werden sollen. Das frühere Straßendorf mit resilienter Struktur und Multifunktionalität, ist zu einem autoorientierten Einfamilienhausgebiet und dadurch vulnerabel geworden. Gewachsene Infrastrukturen sind stabiler. Stabile Raumstrukturen werden von Gemeinschaften bewohnt (Wählergemeinschaften, Dorfgemeinschaften…), die schneller und flexibler handlungsfähig sind, als träge, bürokratische Verwaltungsapparate. Das müssen die Gemeinschaften lernen.

Und die Probleme sind weder ohne die Politik, noch ohne die Bürger lösbar. Lokale Bürger*innen und lokale, kommunale Politiker*innen müssen zusammenarbeiten, um sich gemeinsam einzustellen, auf das was kommt und sich umstellen zu können und anpassungsfähig zu sein.

Ein gutes Beispiel, wo eine resiliente Entwicklung  in der Politik ernst genommen wird: Miami Beach, eine Küstenstadt. Die Lage: Anstieg des Meeresspiegels. Die Aktualität: brisant. Einmal pro Woche wird eine Stadtratssitzung zur resilienten Anpassung der Stadt abgehalten. Die kommunale Politik stellt sich offensiv und öffentlich dem Thema. Sie stellen sich ehrlich ihrer „allgemeinen Ratlosigkeit“, die dadurch verstärkt wird, dass auf nationaler Ebene der Klimawandel geleugnet wird. Die Bürger*innen bringen ganz praktische Probleme ein, die in der Sitzung zu lösen versucht werden, z.B. vollgelaufene Keller eines Hotelbesitzers. Gemeinsam wird nach neuen Optionen und Lösungen gesucht. Es werden neue Pumpen ausprobiert, alternative Formen der Uferbefestigung getestet.

In der Diskussion dann die schnelle Übereinstimmung: Das Thema hat unbedingt mit uns, mit unserer Region, der Mecklenburgischen Schweiz  zu tun. Die Fragen, mit deren Auseinandersetzung ein Prozess für eine resiliente Region angestoßen werden kann:

  • Wie können Wissenschaftler*innen ihr Wissen in die Praxis bringen, damit eine kritische Auseinandersetzung damit stattfinden und eine Umsetzung in Gang gesetzt werden kann?
  • Ist Resilienz ein nachhaltiges Konzept?
  • Welche Rolle spielt direkte Mitbestimmung von Bürger*innen?
  • Wie kann man die breite Gesellschaft beteiligen? Welche Beteiligungsformate gibt es, muss es geben?
  • Braucht es Korrektive, die nationale Gesetzgebung lokal übersetzen?
  • Was bedroht uns, was betrifft uns?
  • Welche Veränderungen bringt der Klimawandel für meinen Garten, für meine Kommune?
  • Was sind die tatsächlichen Klimafolgen für unsere Region?
  • Was können wir konkret vereinbaren?
  • Ich bin Bürgermeisterin: Was kann ich machen?