Mecklenburg erzählt sich – Von der Kunst, sich selbst zu bewegen

Die Internationale Sommeruniversität des KMGNE von 2014 und 2015 ist Inkubator dieses Projektes. Jedes Jahr kommen auf dem Projekthof Karnitz e.V. Umwelt- und Medienleute zusammen, um nach neuen Wegen in der Ästhetik der Nachhaltigkeitskommunikation zu suchen.

2014 wurde in der Werkstatt Doku-Art der Internationalen Sommeruniversität mit der Regiseurin und Fotografin Sarah Sandring der Prototyp der Porträtreihe ‚ERBEN DES FORTSCHRITTS’ entwickelt. Auch 2015 setzten wir die Portraitreihe in der Werkstatt Doku-Art fort und wollen nun mit der Portraitreihe 2016 drei Portraitreihen zusammenführen und sie der Öffentlichkeit präsentieren.

Die Werkstatt Doku-Art ist ein dokumentarisches Kunstprojekt, in dem Bürger in Mecklenburg-Vorpommern von sich erzählen, ein Kunstprojekt, das Identität (an)stiftet.

Die Werkstätten Doku-Art erprobten eine neue Dimension sozioökologischer, -ökonomischer und soziokultureller Auseinandersetzung, die die Bevölkerung als Träger von Gegenwart und Zukunft integrierte, künstlerisch anspruchsvoll ist, alte und neue Medien verbindet und das Leben in seiner Vielschichtigkeit widerspiegelt – direkt, humorvoll, unverblümt. Es ging darum, Geschichten und Menschen an Orten spürbar zu machen, die gemeinhin den Stempel kulturellen Aderlasses tragen: Das Wegbrechen gesellschaftlicher Strukturen, der Wandel in Wirtschaft und Landwirtschaft, die Klimafolgen konfrontieren die BewohnerInnen mit Umbrüchen. Signalisieren sie nur Zerfall, oder steckt in ihnen auch das Potential, neue Wege zu erkunden? Die Werkstatt Doku-Art setzte auf die Kraft des Erinnerns und des Teilens von Erlebnissen beim Geschichten Erzählen, um daraus gemeinsam Zukunft zu gestalten.

Hierbei wurden insbesondere Gruppen angesprochen, deren Sichtweisen normalerweise nicht vertreten sind, Sichtweisen von Zugezogenen, Landwirten, Radiomacherinnen, aber auch von Visionären und Macherinnen. Die Vielzahl der Sichtweisen bildeten die Stärke des Gesamtprojektes.

Die Portraitreihen haben einen dokumentarischen Ansatz und sind eine Mischform aus Fotografie, Schrift/ Illustration. Ein Portrait setzt sich aus mehreren Bildern zusammen (Triptychen). Einzelbilder von Menschen werden eingebettet in die porträtierten Räume. Illustrierte Zitate der Menschen stellen grafische verbindende Elemente und inhaltliche Erweiterungen der Portraits dar.

Ziele und Wirkung des beantragten Vorhabens ist, durch eine großformatige Ausstellung und eines Ausstellungskataloges mit Erwartungen zu brechen, wie Kunst entsteht und wo sie wahrgenommen wird – durch Nutzung des öffentlichen Raumes. Durch Zusammenarbeit mit Dörfern (Gessin, Bollewick, Neukalen) und Kommunen (Malchin und Waren) und dem großformatigen Ausstellen der Arbeiten vor Ort, wird Kunst und Kultur nicht nur zu Menschen gebracht, die Kunst sonst wenig Interesse schenken, sondern sie wurden sogar um Teilhabe gebeten. Es ist auch eine Chance für Auswärtige, über sie zu lernen. Ziel ist die Selbststärkung einer Region durch aktive Auseinandersetzung mit dem aktuellen Zustand. Das Projekt macht Leben, Natur und Kultur, Geschichte und Wandel sichtbar, zelebriert sie, nimmt sie ernst.

Das Vorhaben ist als Korrespondenzstandort(e) eingebunden in das Vorhaben 2016 „auto mobilis – von der kunst sich selbst zu bewegen“ der Initiative Ästhetik und Nachhaltigkeit.

Bedeutung für die Region

Der Modellcharakter für die Regionen in MV liegt in seinem partizipativen Ansatz, seiner Großflächigkeit und ‚Umnutzung’ des öffentlichen Raums. Sicher ist, die Region ist gefüllt mit interessanten Lebenswegen und neuen Ideen, die stellvertretend sind für viele ländliche Regionen weltweit. Wie oft berichten aber nur fremde Stimmen über den „Ländlichen Raum“, statt direkt aus ihm ‚heraussprechen zu lassen’? In den vorliegenden Portraitreihen erzählten Menschen über ihr Leben, ließen sich fotografieren und ihre Geschichten ans Licht holen. Nun wollen wir den Geschichten Raum geben und zeigen, dass Kunst nicht distanziert in Galerien oder Museen existieren muss. Es vereinnahmt öffentlichen Raum für Nicht-Kommerz, es setzt eigene Themen in sozialen Netzen. Man sieht Geschichten dort, wo sie passieren. Das entwickelt eine ganz eigene Kraft. Die Landschaft kommentiert die Arbeiten und andersherum. Die ‚Begegnungen’ mit den Geschichten überraschen. Die Großflächigkeit schafft Event-Charakter. Nicht die Problemzone „Ländlicher Raum“ steht im Mittelpunkt, sondern der zivilisatorische Reichtum und das Potential der Begegnung. Schmerz, Angst und Verlust, die die Menschen hier bisweilen empfinden, klingt an.

Kontakt
Martina Zienert
zienert@projekthof-karnitz.de

Gefördert durch
das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie M-V, Landeslehrstätte für Naturschutz und nachhaltige Entwicklung (LLS)
Laufzeit
April 2016 – Dezember 2016