Ein historischer Blick auf die Nachhaltigkeitsziele

Siebzehn Nachhaltigkeitsziele (SDGs) kann man erst einmal als ein ehrgeiziges Vorhaben sehen.
Wie können wir sie analysieren, verstehen, umsetzen und erreichen, ohne sie in einen historischen Kontext zu betten? In seinem Vortrag, den Raúl González Meyer im Rahmen der Karnitzer Sommeruniversität 2016 gehalten hat, nimmt er uns auf eine Reise multipler Reflexionen mit, lässt Fragen offen, die aktuelle Diskussionen widerspiegeln und präsentiert uns eine Serie an Herausforderungen, die sich aus den SDGs ergeben.

Aus der lateinamerikanischen Perspektive sind die Versuche, Armut zu bekämpfen, natürliche Ressourcen zu schützen, saubere und erneuerbare Energien zu nutzen, die Bildung zu verbessern, Wirtschaftswachstum, etc. nichts wirklich Neues.

Den präkolumbianischen Kulturen war es bereits ziemlich klar, wie wir in Harmonie mit unserer Umwelt und unserem Umfeld leben können mit einer würdigen Lebensqualität, ohne die Notwendigkeit, sich außergewöhnlichen Aufgaben zu stellen.

Die indigenen Kulturen hatten – und viele von ihnen verteidigen diese immer noch – Werte, die wir heute als nachhaltige Lebensstile interpretieren könnten. Klar, aus der Perspektive der Moderne. Amerika hat einen brutalen Prozess der Kolonialisierung durchlebt, in dem die Moderne als die „Lösung“ vorgegeben wurde, die Lösung logischerweise aus der europäischen Sicht für die „Probleme“ der primitiven Gemeinschaften. Auf diese besagte Lösung und die Versprechen, die mit der Moderne kamen, wartet man heute in der Region immer noch.
In diesem Sinne teilt Raúl mit uns eine interessante Reflexion: die Sehnsucht auf ein von der so genannten Moderne nicht eingehaltenes Versprechen.

Nach der durchlebten Kolonisierung in Amerika, gingen die selbstverständlichen Bräuche des Zusammenlebens und Schützens der natürlichen Ressourcen fast vollständig verloren. Lediglich in den letzten Jahren haben einige Forscher aus verschiedenen Ländern angefangen, sich für das Wissen über das Konzept des „Buen Vivir“, des „gute Lebens“ zu interessieren, das im Herzen Lateinamerikas entstanden ist.

Diese lateinamerikanischen Länder – mittlerweile angeblich unabhängig – haben immer noch mit dieser „Lösung“ zu kämpfen, die sich nicht durch kulturelle und natürliche Ressourcenvielfalt auszeichnet oder durch die Größe von Orten oder vieler anderer Faktoren mehr, die diesen Ländern ihre Identität geben. Etwas ungeheuer Anderes, dass man in Europa dann als Entwicklungsland versteht.

Einige dieser Länder haben nun beschlossen, Strategien gegen die traditionellen Systeme des Extraktivismus, Kapitalismus und Neoliberalismus zu implementieren. Leider hat dies bisher nicht den von den Gesellschaften erhofften Erfolg gebracht. In einigen Fällen wurde dieser eingeschlagene Weg sogar derart beeinträchtigt, dass man fast von diktatorischen Systemen sprechen kann.

Als ich mir den Vortrag von Raúl anhörte und er erklärte, wie einige dieser Länder versucht haben, ein anderes Überlebensschema als das des Kapitalismus und der Moderne zu finden, erinnerte ich mich daran, dass Vanessa Andreotti vor einigen Monaten eine Analogie zwischen dem Mais und der Entwicklung aufgestellt hatte. Wenn jemand, wie in diesem Fall, eine internationales Publikum darum bittet, dass es sich einen Maiskolben vorstellt, dann visualisiert die Mehrheit ihn sich in Gelb. Wenn nun aber das Publikum aus Lateinamerika ist, dann wird man auf eine Farbenvielfalt in den Vorstellungen der Menschen treffen. In Lateinamerika gibt es eine große Vielfalt verschiedener Maissorten, verschiedenster Farben und Mischungen derselben. Und genau das ist nun das Entwicklungskonzept, erklärte Andreotti, man kann nicht beanspruchen, es gäbe nur ein einziges und universelles Entwicklungskonzept.

Gegen Ende der historischen Reise, auf die uns Raúl mitnahm, wurden die SDGs zu einem impliziten Akteur. Durch verschiedene Beispiele konnten wir als Zuhörer wahrnehmen, dass einige dieser Ziele gar nicht neu sind und dass man sie analysieren und flexibler gestalten müsste, damit ihre Umsetzung Raum lässt für die verschiedenen Verständnisse von Entwicklung. Und ganz wesentlich:  Analysieren und verändern wir die Machtstrukturen, können wir den generellen Einfluss auf die Zielrealisierung erhöhen.

Danke, Raúl, dass Du uns diesen Blickpunkt geliehen hast, aus dem wir die Komplexität des Themas analysieren können. Zuletzt denke ich, dass uns mehr Fragen als Antworten geblieben sind, aber es sind zweifellos essentielle Fragen von großer Tragweite, die es in den kommenden Jahren zu beantworten gilt.

Giovanni Fonseca